Simple Sitzung

Veröffentlicht in: 
Artikel Zweiteiler für das Fisch und Fang Magazin veröffentlicht 2010

Modernes Karpfenangeln
gilt als teuer, kompliziert
und zeitaufwändig.


Mit diesen Vorurteilen
räumt PHILIPP BRAUN
jetzt auf. In dieser
Ausgabe geht‘s ums
Finden und Füttern.

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Eines will ich vorweg klarstellen:
Ich glaube nicht, dass ich
selbst beim Angeln keine Fehler
mache, ganz im Gegenteil.
Im Laufe der Jahre habe ich
am Wasser vieles falsch angestellt, konnte
aus diesen Begebenheiten jedoch eine
Menge lernen. Diese Erfahrungen
möchte ich Ihnen nachfolgend ein wenig
näher bringen.
Die Platzwahl
Beginnen wir mit der Wahl
des richtigen Angelplatzes,
vom Spezi auch als „Location“ bezeichnet.
Viele greifen dabei gerne auf technische
Hilfsmittel wie Echolot, GPS-Gerät,
ferngesteuertes Futterboot oder gar
Tauchausrüstung zurück. Wer sich aber
zu sehr auf moderne Technik verlässt,
versperrt sich selbst den klaren Blick auf
die offensichtlichen Zeichen, die uns
die Natur selbst gibt. Das Wasser spricht
mit uns, die ganze Zeit über, wir müssen
nur hinsehen und hinhören.
Bei den ersten Erkundungsgängen an
einem neuen Revier brauche
ich nicht viel mehr als eine
Polarisationsbrille, die die

Wasserspiegelung aufhebt, ein Fernglas
und eine Tüte mit Ködern meiner
Wahl. Ich orientiere mich an Buchten
und Landzungen, ins Wasser ragenden
Unterwasserhindernissen, Stegen, Badestränden,
Uferkanten und grundsätzlich
jeder offensichtlichen Unregelmäßigkeit
in der Struktur des Gewässers. Nutzen
Sie die Morgen- und Abendstunden,
in denen sich die Fische gerne durch
Rollen und Springen an der Oberfläche
bemerkbar machen. An Gewässern mit
starkem Angeldruck kann es erfolgreich
sein, wenn man das Revier nachts beobachtet.
Mit etwas Erfahrung hört man
den Unterschied zwischen rollenden
Karpfen und anderen Fischen.
Es gibt aber weniger direkt wahrnehmbare
Zeichen für den Aufenthaltsort von
Karpfen. Ein Fehler, den viele Angler
machen, ist, dass sie das Gewässer mit
der Lotrute erkunden und dabei nach
Kiesbänken suchen, als wären das die
einzigen Plätze, auf denen Karpfen fressen.
Sie mögen ebenso weichen Gewässergrund
und Wasserpflanzen. Über
leichtem Kies oder seichtem Kraut lässt
sich ein mit einem Pop-Up oder einem
Auftriebskörper aus Schaumstoff kritisch
ausbalancierter Köder präsentieren.
Wenn der Wind dreht, halten sich die
Fische oft für einige Tage an dem vom
Wind aufgewühlten Ufer auf, um später
wieder Schutz im ruhigen Bereich zu
suchen. Achten Sie auch auf Wasservögel!
„Schimpfende“ Enten beispielsweise,
die plötzlich ihre Schwimmrichtung
wechseln, haben unmittelbar zuvor
nicht selten den Schatten eines großen
Karpfens unter sich entdeckt. Rollende
Brassen und Rotaugen treten oft gemeinsam
mit Karpfen auf. Es gibt also
zahlreiche Hinweise darauf, wo sich
unsere Zielfische aufhalten. Wer genau
hinschaut, kann in vielen Fällen auf
teure Technik verzichten.
Das Anfüttern
Man sollte grundsätzlich immer an den
Plätzen anfüttern, an denen man die Fische
lokalisiert hat. Viele Angler kippen
jedoch auf einmal Unmengen an Futter
wahllos ins Wasser, ohne sich nähere Gedanken
darüber zu machen. Womöglich
wird dann noch mehrmals im Jahr die
Boiliesorte gewechselt. Mein Tipp: Finden
Sie einen Boilie, dem Sie vertrauen,
und etablieren Sie diesen Köder an Ihrem
Gewässer das ganze Jahr über. Dabei
füttern Sie lieber häufig und beobachten,
was passiert, statt sinnlos abzukippen.
Der Schlüssel zum Erfolg ist
Zeit und Vertrauen. Verbringen Sie viel Zeit an Ihrem Gewässer. Damit meine
ich nicht, dass Sie wochenlang ansitzen
und Ihr Privatleben vernachlässigen sollen.
Beispiel: Ich bin vor oder nach der Arbeit
häufig kurz am Wasser. So bleibe ich
immer auf dem Laufenden und kann
leicht unter anderem folgende Fragen
beantworten: Wer füttert und angelt wo?
Wo kann ich im Flachwasser unbemerkt
ein paar Kilo Boilies verteilen, um am
nächsten Tag oder ein paar Stunden
später zu kontrollieren, ob sie gefressen
wurden?

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An neuen Gewässern starte ich gerne
mit wenig Futter, denn wenn es erst einmal
im Wasser ist, kann man es nicht
mehr herausholen. Klingt banal, ist aber
enorm wichtig. Generell sollte sich die
Futtermenge nach dem Karpfen- und
Weißfischbestand richten. Auch eventuell
vorkommende Krebse, Wasservögel
und sonstige „Mitesser“ sollte man mit
einkalkulieren. Wir müssen auf jeden
Fall sicherstellen, dass für die Karpfen
etwas übrig bleibt. Da ich aber versuche,
genau dort zu füttern, wo ich Karpfen
gefunden habe, kann ich mit wenig Futter
starten. In meinem Fall bedeutet das grob 100 hochwertige Boilies pro Rute
sowie ein löslicher Mix aus Grundfutter,
Pellets und Liquid. Gelegentlich verzichte
ich am Anfang auch komplett auf
Boilies. Anfüttern ist eigentlich keine
Wissenschaft. Man baut den Platz auf,
indem man nachfüttert, wenn man einen
Biss hatte oder sicher sein kann,
dass das Futter tatsächlich gefressen
wurde. Ist das der Fall, kann man die
Boiliemenge erhöhen.
Sie müssen nun noch eine weitere Entscheidung
treffen: Angeln Sie, um möglichst
viele Bisse zu bekommen, oder haben Sie es auf einen bestimmten Zielfisch
abgesehen? In letzterem Fall empfiehlt
es sich, die Köder für ein paar
Stunden aus dem Wasser zu holen und
großflächig nachzufüttern, auch wenn
Fische am Platz sind. Es ist jedoch gar
nicht so leicht, diesen Zeitpunkt herauszufinden.
Es bedarf schon einiger
Überwindung, um die Montagen einzukurbeln,
wenn sich Karpfen auf dem
Futterplatz aufhalten. Aber es kann sich
durchaus lohnen, denn große Karpfen
fressen oft argwöhnisch und halten sich
gegenüber ihren kleineren Artgenossen
gerne etwas im Hintergrund auf.

Die Idee dahinter ist also folgende:
Man schenkt den Fischen Vertrauen.
Wenn sich irgendwann viele Karpfen
auf dem Futterplatz tummeln, gibt man
ihnen so viele Gaben, wie sie fressen
können, und lässt sie für ein paar Stunden,
vielleicht sogar ein paar Tage, je
nach gefütterter Menge, in Ruhe. Hier
spreche ich nun von größeren Mengen
im Umfang von dutzenden Kilos an
Boilies. Soviel füttere ich aber nur, wenn
ich ganz sicher bin, dass es auch gefressen
wird. Eines muss man dabei im Hinterkopf
haben: Jedes Mal, wenn man einen
Karpfen drillt, verunsichert man gerade
die großen Fische. Wenn man schnell
möglichst viele Karpfen fangen will, ist
es kein Problem, einen Biss nach dem
anderen zu bekommen. Ich spiele hingegen
lieber das Spiel mit der Zeit. So
erwischt man auch die heiklen, großen
Fische.


Variieren ist Trumpf


Wenn Sie nicht die Möglichkeit haben,
Boilies selbst zu rollen, ist das heutzutage
kein Problem mehr. Die Hersteller
bieten längst qualitativ hochwertige Fertigköder
an, die Sie dann selbst nach
Belieben aufpeppen können, um sie
noch fängiger zu machen.
Im Winter und bei kaltem, klarem
Wasser kombiniere ich beispielsweise
meine dunklen Fischmehlboilies gerne
mit ein paar bunten Kugeln, die den Fischen
eher ins Auge fallen. Im Sommer
und bei warmem Wasser füttere ich Boilies
zusammen mit einem Partikelmix
aus Weizen, Mais und Tigernüssen. Ein
weiterer Trick ist, Fertigboilies mit dem
Messer zu schälen, zu halbieren oder zu
vierteln. So geben sie ihre Lockstoffe
noch schneller an das Wasser ab, und
die Karpfen stellen sich nicht so leicht
auf eine bestimmte Form oder Größe
ein. Sie können die Boilies auch vor dem
Angeln trocknen, um sie härter zu machen,
oder in einem Eimer am Ufer in
Wasser einlegen, so dass sie alt und ausgewaschen
wirken, wenn Sie sie später
füttern. Auf diese Weise habe ich schon
des Öfteren misstrauische Karpfen zum Anbiss überredet.

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Teil 2 des Artikels

Wie Sie auch mit einfacher Montage super fangen,
verrät Karpfen-Spezi Philipp Braun.


Viele Trends des modernen
Karpfenangelns haben zweifellos
ihre Berechtigung. Auch
ich benutze gerne mal technische
Hilfsmittel, plane lange Futterkampagnen
oder fische gelegentlich mit komplizierten
Montagen. Sicher stellt sich auf
diese Weise auch der Erfolg ein. Dennoch
bin ich der Meinung, dass man den Großteil
der täglichen Angelsituationen ohne
allzuviele technische Spielereien bestreiten und stattdessen besser seine Sinne für
das Wesentliche schärfen sollte. Dazu gehört
vor allem die Montage. Einsteiger
haben damit oftmals Berührungsängste,
und die Spezis machen daraus gerne Geheimnisse.
Wie auch immer es aussieht:


Dazu gehört vor allem die Montage. Einsteiger
haben damit oftmals Berührungsängste,
und die Spezis machen daraus gerne Geheimnisse.
Wie auch immer es aussieht:
Ein so genanntes Rig ist kein Hexenwerk,
es basiert auf simpler Mechanik.
Fluchtmontage mit Pfiff
Ich fische am liebsten mit einer
schlichten Festbleimontage
mit Selbsthakeffekt (siehe
Abbildung). Das Prinzip: Der Köder wird durch ein Blei am Grund gehalten und am Haar präsentiert. Das Gewicht ist halbfest befestigt, daher wird das Ganze
auch als Safety Bolt Rig (Sicherheits-
Montage) bezeichnet. Sollte die Hauptschnur
während des Drills oder bei einem
Hänger reißen, kann der Karpfen das Blei
abschütteln, wenn es sich am Grund verfängt.
Schauen wir uns die einzelnen
Komponenten der Montage einmal genauer
an. Gerade beim Karpfenangeln ist
ein scharfer Haken das A und O. Die
besten Erfahrungen habe ich mit kurzschenkligen
Modellen in den Größen 4
bis 6 gemacht, die ich an eine ummantelte
Geflochtene knüpfe. Den Hakenschenkel verlängere ich über dem Öhr mit einem
Stück Schrumpfschlauch, um einen besseren
Hakeffekt zu erzielen. Denn der
Druckpunkt liegt während des Drills auf
dem knotenlosen Knoten (No Knot) am
Hakenöhr des kurzen Hakenschenkels. So
kann der Karpfen den Greifer im Drill
nicht als Hebel nutzen. Zudem arbeitet
der Haken nicht so sehr, das heißt, er
schneidet nicht tief ins Maul ein, was zu
Verletzungen des Fisches führen kann.
Haar-Verlängerung. Durch den Schrumpfschlauch wird der
Hakenschenkel nur für den Moment der
Köderaufnahme künstlich verlängert. Im
Drill jedoch wirken die perfekten Eigenschaften
des recht kurzschenkligen Hakens.

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Ich bevorzuge übrigens Modelle
mit kleinem Widerhaken. Diese dringen
schneller ein. Damit das Haar optimal im Bereich
des Hakenbogens austreten kann, fixiere ich es mit einem Stück Silikonschlauch
(siehe Foto) oder einem kleinen
Ring. Auch dies trägt dazu bei, dass sich
der Haken super ins Fischmaul reindreht,
wenn der Karpfen den Köder aufnimmt.
Wirft man jedoch einen schweren Köder
aus, so rutscht der Silikonschlauch im
Wurf nach hinten auf den Schenkel bis
an den Schrumpfschlauch. In diesem Fall
angelt man quasi mit einem langen Haar,
das unter dem Schenkel baumelt. Daraus
ergeben sich jedoch keine Nachteile,
denn sowohl ein kurzes als auch ein
langes Haar fangen sehr gut.
Mein englischer Kumpel, der sehr erfolgreiche
Angler Lee Jackson, fischt beispielsweise
stets mit einem sehr langen
Haar. Wichtig ist dabei, einen ausreichend
großen Abstand zwischen Köder und Haken
von mindestens einem Zentimeter
zu wählen, damit der Haken gut eindrehen
kann. Große Köder begünstigen
diesen Effekt.  Allerdings ähneln kleine
Köder der natürlichen Nahrung des
Karpfens mehr. Ein guter Kompromiss
wäre beispielsweise eine Boiliegröße von
rund 20 Millimetern, allerdings wird diese
von den meisten Anglern bevorzugt.
Also ruhig mal andere Größen und Formen
ausprobieren als runde 20er Murmeln.
Die beschriebene Montage kombiniert man am besten mit einem rund 100 Gramm schweren Festblei. In klaren Gewässern mit heiklen Fischen verwende
ich gerne ein durchsichtiges Gewicht, ein
so genanntes Tactical Weight von Osprey
in drei Unzen (etwa 85 Gramm). Mit
dieser Kombination habe ich hunderte
von Karpfen gefangen, und die Quote
der Aussteiger tendiert stark gegen
Null. Generell empfiehlt es sich, möglichst
alle Komponenten von der selben Firma
zu benutzen. Denn die Hersteller stimmen
ihre Kleinteile so aufeinander ab,
dass alles optimal zusammen passt. Bezogen
auf meine Erfolgsmontage, verwende
ich einen 8er Wirbel. Das Vorfach hat
mindestens eine Tragkraft von 20 lb, in
hindernisreichem Terrain bis zu 35 lb.
Der Anti-Tangle-Schlauch unter dem Wirbel
beugt Verwicklungen des Vorfachs
vor. Der Sicherheitsclip (Safety Lead
Clip) besteht aus Platisk und gibt das
Gewicht frei, falls es zu einem Hänger
kommen sollte. Dann rutscht nämlich
der aus dehnbarem Material bestehende
Konus, der den Clip mit dem
Anti-Tangle-Schlauch verbindet, nach
oben. Letzterer dient dem verwicklungsfreien
Auswerfen und beugt Verwicklungen des Vorfachs
vor. Der Sicherheitsclip (Safety Lead
Clip) besteht aus Platisk und gibt das
Gewicht frei, falls es zu einem Hänger
kommen sollte.

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Dann rutscht nämlich der aus dehnbarem Material bestehende Konus, der den Clip mit dem
Anti-Tangle-Schlauch verbindet, nach
oben. Letzterer dient dem verwicklungsfreien
Auswerfen und schützt den am Gewässergrund liegenden Teil der Hauptschnur vor Beschädigungen durch
schroffen Kies oder Muschelbänke.
Fehler vermeiden. Zum Schluss noch ein paar Tipps zum
Vermeiden von Fehlern. Je kleiner der Haken,
desto dünner in der Regel der verwendete
Stahl. Entsprechend schärfer
wird der Greifer, so dass der Angler leichtere
Bleie verwenden kann. Aber es kann
durchaus sein, dass kleinere Haken schneller
aufbiegen als größere. Das muss man
beachten. Das halbfest montierte Blei sollte immer
nur so schwer wie nötig und so leicht wie
möglich gewählt werden. Denn zu schwere
oder zu leichte Gewichte können sich
negativ auf die Bissausbeute auswirken.
Sehr wichtig ist es auch, dass sich das
Haar nicht um den Hakenschenkel wickeln
kann. Wäre dies doch der Fall, entstünde
zum einen ein ungünstiger Hakeffekt.
Zum anderen könnte ein gehakter
Karpfen im Drill den Greifer womöglich
loswerden. Passen Sie die Länge und die Geschmeidigkeit. Ihrer Vorfächer dem Gewässergrund
an. Grober Richtwert:

Weicher Boden verlangt nach etwas längeren
und weicheren Materialien, die
sich den Bodenkonturen anpassen. Steife
Vorfächer aus Monofil beziehungsweise
Fluorocarbon funktionieren besonders
gut über sauberem, hartem
Grund.