Interview für das Carphuntersmagazine

Veröffentlicht in: 
Aprilausgabe 2010

Interview mit Philipp Braun

von Simon Stallabrass

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Simon:

Hallo Philipp, ich begrüße dich ganz herzlich im Namen des CHM Teams und freue mich, dass du Zeit für dieses Interview gefunden hast.

Ich möchte dir ein paar Fragen stellen zu deiner Person, zu deinem Angeln im Allgemeinen und vielleicht noch über ein Paar Projekte, die du noch so vorhast.

Wie bist du eigentlich zum Karpfenangeln gekommen?

Philipp:

Ich war schon immer gerne in der Nähe von Wasser, hab mich für Fische und fürs Angeln interessiert. Ich hab natürlich auch ein paar Jahre auf andere Fischarten gefischt, z. B. auf Forelle, und wie die meisten Anderen habe ich mich auch dem Stipp-  und Matchangeln gewidmet. Eine Zeit lang angelte ich viel am Mittelmeer, bis ich dann irgendwann auf Umwegen zum Karpfenfischen gekommen bin. Das war bei einem Familienurlaub in Holland. Später habe ich dann viel in Frankreich geangelt, in letzter Zeit eigentlich meistens im Kölner Raum, also zu Hause. Was mir, im Gegensatz zu anderen Angelarten, am Karpfenangeln am Besten gefallen hat ist, dass die Fische üblicherweise nicht getötet werden.

Simon:

Meine nächste Frage: Was sind denn deine größten Erfolge oder auch Misserfolge? Gibt es Highlights in deiner Vergangenheit, die dich besonders beschäftigt haben?

Philipp:

Also anglerisch gesehen hab ich einige Male richtiges Glück gehabt. Ich bin an neuen Gewässern aufgetaucht und konnte häufig innerhalb von drei bis vier Sessions die größten Karpfen der Gewässer fangen. Eine weitere tolle Erfahrung war mein Angeln in England. Das ich dort erfolgreich fischen konnte, zähle ich definitiv zu meinen Highlights.

Ich habe in der Karpfenszene viele Leute kennen gelernt, einige feste Freundschaften haben sich daraus entwickelt. Dennoch habe ich mich auch manchmal mit den falschen Leuten eingelassen und ihnen vertraut. Das würde ich definitiv als Niederlage oder Misserfolg bezeichnen.  

Simon:

Du schreibst für verschiedene Magazine und arbeitest auch mit diversen Firmen zusammen:

Free Spirit Fishing, Nutrabaits und Osprey Angling Developments. Was sind dort deine Aufgaben?

Philipp:

Also, ich habe eine Kolumne für… ein anderes Heft (lacht), in der ich über Filme und DVD` s schreibe.

Simon:

Du darfst die Mitbewerber ruhig nennen.

Philipp:

Ja, für die „Carp Connect“. Das macht ganz großen Spaß, weil mich das Medium Film extrem interessiert und ich da sehr genau hinschauen kann: wie ist die Bild- und  Tonqualität, wie flüssig sind die Erklärungen, wie hoch ist der Entertainment - Faktor, kann man etwas daraus lernen? Meine Aufgabe ist es, die DVD’s, die auf den deutschen Markt kommen, kritisch anzuschauen und für die Leser zu bewerten.

Simon:

Das ist mal etwas Neues. Ich finde es interessant das Medium Film zu beleuchten, mal ein paar Details daraus hervorzuheben. Das spornt die Filmemacher auch zusätzlich an.

Philip:

Dadurch stehe ich natürlich auch etwas unter Druck für mein eigenes Filmprojekt, über das wir später auch reden werden, hoffe ich (lacht).

Die Zusammenarbeit mit „Carp in Focus“ hat sich auch über das Artikelschreiben entwickelt, und es ist heute so, dass ich die Verantwortung, so eine Art Schirmherrschaft, für die Rubrik Update habe. Das ist ein Expertentalk, in dem zu einem, von mir festgelegten und anmoderierten Thema, drei Experten zu Wort kommen, die ich vorab speziell dafür ausgewählt habe. Ich  kontaktiere sie und finde heraus, was sie zu sagen haben. Dann folgen Planungen, wie das Feature ungefähr aussehen soll. Ich bearbeite es ein wenig nach oder übersetze es. Dann packe ich alles zusammen und schicke es in die Redaktion, wo es auch noch mal überarbeitet wird. Das ist im Grunde die Zusammenarbeit mit „Carp in Focus“. Das Update läuft jetzt schon eine ganze Weile und macht mir sehr großen Spaß. Denn ich kann schauen, wer zu welchem Thema etwas zu sagen hat und wie ich die Leute zusammenbringen kann. Dadurch habe ich auch die Chance, sehr spezielle Themen behandeln zu können.

Simon:

Vor allem stelle ich es mir interessant vor mit vielen verschiedenen Persönlichkeiten zu reden und deren Sichtweisen zu den einzelnen Themen kennen zu lernen.

Philipp:

Es gibt natürlich keine hundertprozentige Wahrheit und zu verschiedenen Themen eben auch verschiedene Standpunkte. Ich habe vor kurzem auch begonnen für englische Karpfenmagazine zu schreiben. Mein erster Artikel ist jetzt gerade im Advanced Carpfishing Magazine erschienen. Das war auf jeden Fall noch einmal ein Highlight für mich. Als ich damit anfing, haben viele Leute in Deutschland gesagt: „Vergiss es, als Deutscher kannst du nicht für die englischen Magazine schreiben“. Und jetzt hat es doch geklappt. Ich habe sogar kürzlich noch ein Interview für das Advanced Carpfishing Magazine gegeben. Darüber freue ich mich auf jeden Fall riesig, und es beweist einfach auch, dass die Kluft zwischen England und Deutschland in unserer Szene nicht so groß ist, wie viele meinen.

Simon:

Das kannst du auch dann zu deinen Erfolgen zählen.

Philipp:

Ja klar, man versucht auch immer sich weiter zu entwickeln. England ist für mich irgendwie ein logischer Schritt in meiner Entwicklung als Karpfenangler, weil ich denke, dass das spezialisierte Karpfenangeln daher kommt. Also gehe ich genau dort hin, und da veröffentliche ich, und da möchte ich gelegentlich angeln.

Simon:

Wie sieht denn die Zusammenarbeit mit den Firmen aus, die ich angesprochen habe?

Philipp:

Also bei Free Spirit ist es so, dass ich als Consultant im Team bin, also als Berater. Ich bekomme mein Tackle von Free Spirit. Dazu gebe ich natürlich dann mein Feedback bezüglich der Qualität der Produkte, welches wiederum in die Produktentwicklung mit einfließt. Zusätzlich habe ich auch normale Aufgaben, wie z.B. die Firma auf Messen oder in Artikeln, die ich schreibe, zu repräsentieren. Bei Nutrabaits ist es so, dass ich mir aus den Zutaten, die ich zur Verfügung gestellt bekomme, meine Köder selbst herstelle. Ich bin zwar kein großer Futterexperte, aber ich kenne mich etwas aus und gebe dann mein Feedback dazu. Das nennt sich in diesem Bereich Fieldtester.  Eigentlich gibt es zwischen den Begriffen Consultant und Fieldtester keinen großen Unterschied.

Bei Osprey bin ich erst seit kurzem. Die produzieren insbesondere Rig- Komponenten, Kleinteile. Hierbei kenne ich mich wirklich gut aus. Insofern kann ich da auch ein extrem gutes Feedback geben. Bei der Zusammenarbeit mit einer Firma ist es mir wichtig, mich voll und ganz einzubringen und involviert zu sein.

Simon:

Sodass du nicht nur auf den Messen stehen, sondern auch in der Entwicklung der Produkte mitreden kannst.

Philipp:

Ja genau, ich mag dieses Pseudo- Testfischer Gerede nicht, bei dem derjenige drei Kilo Boilies und ein T- Shirt bekommt und froh sein darf, eine Firma zu repräsentieren. Das ist nicht mein Verständnis davon. Ich möchte, wenn ich mit einer Firma zusammenarbeite, das Gefühl haben, dazu zu gehören. Deswegen muss es eine Firma sein, mit der ich mich auch identifizieren kann. Besonders bei den englischen Traditionsfirmen fühle ich mich gut aufgehoben und kann sie auch guten Gewissens weiterempfehlen.

Simon:

Es gibt ja auch Firmen, gerade einige Bait- Hersteller, die Testangler suchen, um dann ihre Boilies zu  ermäßigten Preisen an diese zu verkaufen. Auf diese Weise beabsichtigen sie ihren Kundenstamm zu sichern. Genau genommen sollte man in diesem Zusammenhang nicht von Testanglern sprechen. Frei nach dem Motto: „Schick uns mal ein Foto für die Website und du zahlst etwas weniger für deine Boilies“.

Philipp:

Die Frage ist doch: Woran liegt es, dass so etwas funktioniert? Wie kommt es, das Firmen Leute finden, die bereit sind, für drei Päckchen Haken pro Jahr Werbung zu machen? Ich glaube es liegt daran, dass viele Leute in unserer Szene es als höchstes Ziel ansehen, irgendwie irgendetwas mit einer Firma zu tun zu haben. Es wäre wichtig, vor allem für junge Leute, die neu in den Sport kommen, ein gutes Selbstbewusstsein aufzubauen und zu verstehen, dass es nicht vorrangig darum geht, irgendein Label auf den Klamotten zu haben. Vielmehr geht es zunächst einmal darum, sich eine Basis zu schaffen, einfach angeln zu gehen und später, wenn man sich bereit fühlt auf einem ordentlichen Level mit Firmen zusammen zu arbeiten, falls man das überhaupt anstrebt. Ich selbst habe früher auch zu aggressiv Werbung gemacht, das gebe ich offen zu. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich einen meiner besten Freunde sehr stark unterstützen wollte, eine Köderfirma in Deutschland bekannt zu machen als er den deutschen Vertrieb für diese Firma hatte. Später wechselte ich zu Nutrabaits,, und heute bin ich sehr entspannt, was dieses ganze Thema angeht. Ich muss dazu sagen, dass ich mit meinen Sponsoren großes Glück habe. Angesichts der Möglichkeiten, die sie mir bieten,  setzen sie mich überhaupt nicht unter Druck, viel Werbung zu machen.  

Simon:

Du hast schon in deinen jungen Jahren in der Szene einen ordentlichen Bekanntheitsgrad erlangt. Sehr viele Leute kennen dich. Wie, meinst du, kommt diese Popularität zustande, wieso bist du in aller Munde?

Philipp:

Also, zum einen bin ich sehr engagiert in der Szene, ich veröffentliche sehr viel. Dabei ist es wichtig, dass die Qualität stimmt. Das war mir schon immer ein Anliegen. Die Redakteure der Magazine haben mir einmal gesagt: „Du machst schon fast zu viel.“ Ich glaube, wenn man hohen Output hat, muss man die Qualität kontrollieren und versuchen, authentisch zu bleiben. Ich sage ganz ehrlich: Ich muss viel arbeiten, ich bin kein Vollzeitangler. Ja, ich habe vielleicht meine „eine Nacht pro Woche“, in der ich ans Wasser komme, wenn ich Glück habe. Es wäre Blödsinn etwas anderes zu erzählen, und das ist jetzt kein Image, was ich mir  aufbaue, sondern das ist genau das, was ich mache. Manchen gefällt das, und sie lesen meine Sachen. Wem es nicht gefällt, der liest es halt nicht. Die Jungs begegnen mir mit Respekt,  nicht, weil ich der tolle Autor aus den Medien bin, sondern weil ich genau der gleiche Typ bin, der ich war, bevor ich in den Medien bekannt wurde. Ich kann im Sommer im Kölner Raum nach der Arbeit an jedem Zelt, an fast jedem Gewässer vorbei gehen und bekomme was zu trinken oder ein Abendessen angeboten. Das ist nicht selbstverständlich, denn viele medienbekannte Angler haben in der Szene den Ruf abgehoben zu wirken.

Simon:

Also, wie schätzt du die Zukunft unseres Hobbys in Deutschland ein? Was glaubst du, wer wird in den nächsten 1 bis 2 Jahren für Schlagzeilen sorgen? Gibt es da irgendetwas, was du dir vorstellen könntest, was auf uns zukommen wird?

Philipp:

Also, ich hab das Gefühl, dass es im Moment viele Jungs gibt, die mit extremem Nachdruck versuchen, sich in der Szene zu etablieren. Früher war es ja so: junge Leute, die in die Szene kamen, haben gelegentlich Artikel geschrieben und veröffentlicht. Mittlerweile gibt es vier verschiedene Fachmagazine. Wenn ein neuer Name auftaucht, erscheint er auch direkt in den anderen drei Heften. Einige Jungs versuchen vier Artikel zugleich in allen vier Heften zu veröffentlichen, so nach dem Motto: „Oh, hier bin ich!“ Ich frage mich dann immer, ist das jemand, der wirklich etwas zu sagen hat, ist der in einem halben Jahr auch noch da, oder ist das so eine Art „one hit wonder“, auf den die Szene gewartet hat? In manchen Fällen kommt dann halt nichts mehr nach, entweder weil man sich zu schnell leer geschrieben hat oder weil die Zeit nicht da ist, um nachzulegen. Ich kenne sehr viele sehr gute Angler, die auch gerne schreiben und von denen man mit Sicherheit noch hören wird. Da wären: Jan Ulak, mit dem ich auch viel angeln gehe, Dirk Ulmer oder auch Jascha, mit dem zusammen ich einen Film mache, Moritz Rott oder auch Martin Schöning, mit dem ich in der nächsten Zeit das eine oder das andere schreiben möchte. Von diesen Leuten wird man auf jeden Fall noch viel hören und vor allem lesen.

Simon:

Gibt es für dich generell auch Vorbildfiguren in der Karpfenszene oder besser gesagt, wer hat dein Angeln geprägt? Wer sind deine prägenden Persönlichkeiten?

Philip:

Ich habe früher viel von Terry Hearn und Dave Lane gelesen, die mich indirekt geprägt haben. Zu dem Zeitpunkt kannte ich sie noch nicht persönlich. Am meisten beeindruckten mich die  ersten Bücher von Terry Hearn und  Dave Lane. Meine richtigen Helden oder Vorbilder sind eigentlich Leute aus der eher stillen, englischen Großfischszene. Sie fischen an diesen Hardcore Pools und betreiben Zielfischangeln um große Fische zu fangen. Dann aber gehen sie glücklich nach Hause und schreiben nichts darüber. Klingt ein bisschen paradox, ich weiß, da ich selbst so gerne schreibe.

Simon:

Ich weiß, mit denen kann man sich am besten identifizieren.

Philipp:

Es sind halt Jungs, die ich in England als großartige Charaktere kennen gelernt habe, die mit einer Leidenschaft aber auch einer lockeren, coolen Einstellung angeln, wie ich es selten erlebt habe. Das sind Leute, die kennt man in Deutschland kaum. Zum Beispiel John Bird. Der hatte zwar mal eine Cover Story, keine richtige Cover Story, aber eine große Story für die Carpworld als er Twotone nach 10 Jahren gefangen hat. Oder Ritchie Curtis, „Little Ritch“, das ist auch jemand.. Wenn du in den ganz alten Büchern nachschlägst, ist er auf den Fotos häufig zu sehen, hat aber selbst nie publiziert. Er ist ein wahnsinnig guter Angler, der von Anfang an dabei war und immer große Fische gefangen hat. Ein guter Kumpel von mir, der derzeitige britische Rekordhalter Austin Holness, hat mich auch schwer beeindruckt.

Eigentlich kann man von jedem etwas lernen.

Simon:

Also lernst du nicht nur von englischen Anglern aus der Vergangenheit, sondern auch von Menschen deines Umfeldes, auch von Gleichaltrigen?

Philipp:

Auf jeden Fall. Ich versuche, mir von allen Leuten hier und da etwas abzugucken, denn ich hatte nie einen Mentor, der mir alles beigebracht hätte. Ich gucke immer, was die Anderen machen, w as nicht heißt, dass ich mich danach richte. Aber ich versuche es auf jeden Fall in meine Gedankengänge mit einzubeziehen und nehme es ernst. Das schöne am Angeln ist ja, diese großartigen Angler, sind Stars zum Anfassen und nicht Leute, mit denen man nicht reden könnte. Ich habe mit Dave Lane gesprochen über das, was er macht, oder auch mit Lee Jackson, übrigens auch ein großes Vorbild, weil er auch menschlich so ein cooler Typ ist. Und heute bin ich im selben Team wie er, und er ist ein Kumpel von mir.

Simon:

Das ist jetzt eine super Überleitung zu meiner nächsten Frage:

Du warst 2007 der erste, nicht englische Angler, der am englischen Conninbrook einen Karpfen gefangen hat. Erzähl uns doch einmal, wie kommt man dazu, zum Karpfenangeln nach England zu fahren? Das ist ja so, als machte man eine Reise in die falsche Richtung.

Philipp:

Ich weiß was du meinst, denn viele Engländer fahren gerne nach Frankreich oder nach Europa…

Simon: …aufs Festland zum Karpfenangeln. Und du fährst auf eine Insel, um Karpfen zu fischen. Ich könnte mir persönlich nicht so ohne weiteres vorstellen, nur zum Karpfenfischen nach England zu fahren.

Philipp:

Es ist lustig, dass alle das sagen. Es ist für die Meisten paradox in England oder an diesen Hardcore Pools zu angeln, abgesehen von den Leuten, die es wirklich machen. Also, für die Leute, die in Conningbrook sitzen, ist es überhaupt kein Thema, warum sie dort fischen. Ich meine, die fangen ein oder zwei, wenn es hoch kommt drei Fische im Jahr, aber diese Frage nach dem „Warum?“ ist irgendwie nicht präsent. Es scheint klar zu sein: Man macht es aus Leidenschaft. Ich habe es gemacht, weil für mich England die Kinderstube des modernen Karpfenangelns ist. Für viele deutsche Angler ist der Cassien „das“ Gewässer schlechthin. Aber der Cassien ist nicht die Kinderstube. Irgendwann sind Engländer  dort hingekommen, weil sie von großen Fischen gehört hatten. Sagen wir mal, man interessiert sich für Wirtschaft, dann will man vielleicht irgendwann nach New York oder nach Tokio oder nach London. Wenn du dich für Mode interessierst gehst du irgendwann vielleicht nach Paris oder nach Mailand. Und wenn du dich fürs Karpfenangeln interessierst, dann gehst du nach Conningbrook, so sehe ich das jedenfalls (lacht).

Die größte Hürde war damals, überhaupt eine Erlaubnis zu bekommen, an diesem Pool fischen zu dürfen. Ich bin vorab nach England gefahren, nur um mit den Betreibern von Midkent Fisheries zu reden und sie davon zu überzeugen, mir ein Ticket auszustellen.

Simon:

Also war es schwierig, als Deutscher das Ticket zu bekommen?

Philipp:

Es war nicht so schwierig, wie ich zunächst dachte, denn natürlich hatten mir Leute vorab gesagt es sei unmöglich ein Ticket zu bekommen, es sei Blödsinn, ich solle es sein lassen. Ich habe mich mit den Leuten vor Ort ordentlich unterhalten, und dann hat es doch geklappt. Sie konnten mein Anliegen verstehen und haben nachvollzogen, warum ich dort angeln wollte. Mit dem Bailiff bin ich einmal um den See herum gelaufen, habe mir alles angeguckt und dann mit dem Vorsitzenden, Chris Logsdon, gesprochen. Obwohl ich nur drei Wochen Zeit zum Angeln hatte war ich bereit, ein Jahresticket zu kaufen. Aber das war nicht nötig. Ich bekam sogar eine Sondererlaubnis, um drei Wochen am Stück angeln zu können. Normalerweise gibt es eine 48 Stunden Regel, d. h. wenn man 48 Stunden gefischt hat, muss man für 48 Stunden das Gewässer verlassen, um Überfischung zu vermeiden und um zu verhindern, dass zu viele Angler gleichzeitig angeln oder Stellen blockiert werden. Drei Wochen fischen zu dürfen hat die Aktion überhaupt erst möglich gemacht, und das krasse war: Als ich in Cooningbrook ankam, hatte ich es eigentlich schon geschafft, weißt du, ich war dort, und ich war glücklich, ich habe geangelt. Dieses Gefühl hielt ungefähr eineinhalb Wochen an. Dann begann ich natürlich zu denken: Jetzt würde ich gerne einen Fisch fangen. Weitere eineinhalb Wochen später habe ich tatsächlich einen Fisch gefangen, und dann musste ich auch schon nach Hause. Ich fing einen der größten Fische aus dem Pool, aber ich hätte auch einen kleinen fangen können und wäre ebenso glücklich gewesen.

Simon:

Das sind Fische, die einen ganz speziellen Stellenwert in der Laufbahn eines Karpfenanglers haben, und da spielt die Größe keine Rolle.

Philipp:

Es war der größte Fisch meines Lebens. Natürlich habe ich schon schwerere gefangen, aber 38 englische Pfund, ein Schuppenkarpfen noch dazu, also viele Engländer würden viel dafür tun, denn große Schuppis gibt es dort nicht oft.

Simon:

Kommen wir zu einem anderen Thema. Ich habe gehört, du engagierst dich sehr stark in der Jugendarbeit. Erzähl uns bitte etwas darüber.

Philipp:

Ich fange gerade an, mich im Bereich der Jugendarbeit stärker zu engagieren, weil ich das für ein sehr wichtiges Thema halte. Ich habe eine ganz spezielle Einstellung zu dem ganzen Thema „Generationskonflikte in der Angelszene“. Ich halte es für sehr wichtig, dass die jungen Leute Selbstbewusstsein haben, sich nicht zu sehr von der Werbung beeinflussen zu lassen und auch von den Älteren etwas lernen, ohne dabei schief angeguckt zu werden.

Ich habe leider oft das Gefühl, dass die Jugendworkshops mancher Firmen teilweise reine Werbeveranstaltungen sind, um sich zukünftige Konsumenten heranzuziehen. Das sehe ich sehr kritisch. Also versuche ich mich bei Jugendevents zu engagieren, wo möglichst wenig Werbung eine Rolle spielt. Ich werde zum Beispiel in Zukunft mit einem Pädagogen, Mathias Wagener, zusammen arbeiten. Er ist ein Kumpel, der an seiner Schule ein Projekt gestartet hat, um Kinder ans Angeln heranzuführen. Hierbei soll zunächst die soziale Komponente im Vordergrund stehen und Umweltbewusstsein geweckt werden. Es geht also nicht direkt ums Karpfenangeln, sondern darum, die Natur bewusst zu erleben, ein Verhältnis zum Angeln aufzubauen, und darin vielleicht etwas für sich zu finden, eine Leidenschaft zu entdecken.

Er bietet diesen Kindern eine andere Art der Freizeitgestaltung als sie es vielleicht gewohnt sind und die Möglichkeit in der Natur zu sein.

Simon:

Das ist es ja. Früher war es selbstverständlich, dass Kinder in der Natur spielten. Heute ist das nicht mehr so. Da muss man sie, glaube ich, auch so heranführen.

Ihr arbeitet seit einiger Zeit an einem Film, worum geht es da?

Philipp:

Wir haben letztes Jahr angefangen, diesen Film „Philon Carp“ zu produzieren. Im November 2010 kommt er in Deutschland auf den Markt. Ich würde sagen, die Dreharbeiten sind zu etwa 70 % abgeschlossen. Wir haben ein paar sehr schöne Szenen in den Kasten bekommen. Die Idee war, an verschiedenen Gewässertypen zu fischen, und dabei schaut mir eine Kamera über die Schulter. Wir gehen an Seen, die für mich noch neu sind, und dabei werde ich von der Kamera begleitet. Auch holen wir Experten dazu, die sich an diesem Gewässer auskennen und führen Interviews mit ihnen, um den Zugang zu den Pools zu finden. Dann versuche ich meine Vorgehensweise zu erklären, und wir filmen, ob es funktioniert oder nicht. Bisher hat alles, Gott sei Dank, sehr gut geklappt. Wir haben wirklich schon super Material zusammen.

Simon:

Sag mal, wie wird sich euer Film von den anderen auf dem Markt erhältlichen Filmen unterscheiden? Was macht euern Film so besonders?

Philipp:

Gute Bildqualität, gute Tonqualität, gute musikalische Unterlegung, flüssige Moderation, aus der man etwas lernen kann, die gleichzeitig unterhaltsam ist. Wir versuchen einfach die Stimmung des Angelns einzufangen. Das heißt, wir machen keinen Film, bei dem man sich einfach ans Gewässer setzt und übers Angeln redet, sondern wir sind die ganze Zeit wirklich live beim Fischen. Wir versuchen mit diesem Film den Spaß, den wir am Angeln haben, zu transportieren. Ich sage nicht, dass andere das nicht tun. Aber wenn ich etwas mache, dann mit dem Anspruch, es besser zu machen als das, was es bereits gibt. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg dahin.

Simon:

Es ist auch wirklich interessant, einmal das Ganze zu sehen, vom Aufbauen, über die Location, das Anfüttern und über Sessions direkt ein unbekanntes Gewässer kennen zu lernen.

Philipp:

Ja, wir haben zum Beispiel an einem Low Stock Gewässer, einer  Kiesgrube, gefischt und  gefilmt, wie ich die Rute vom Boot ablege. Wir sind mit der Rute ans Ufer zurückgefahren. Die Rute lag dann auf den Banksticks, und natürlich hat keiner damit gerechnet, dass etwas passiert. Wir dachten, mit Glück kriegen wir am ganzen Wochenende einen Fisch vor die Kamera. So begann ich über besagte Low Stock Gewässer zu philosophieren und erklärte, was die Vorgehensweise ist. In dem Moment lief die Rute ab. Das sind Szenen, in denen wir einfach dieses Quäntchen Glück hatten, was man beim Angeln eigentlich immer braucht und bei einem Filmprojekt ganz besonders.

Simon:

Wird man große Fische im Film sehen?

Philipp:

Definitiv wird man auch sehr große Fische sehen. Es sind auch einige sehr schöne Fische dabei. Bisher hat alles sehr gut geklappt, was ja extrem schwer zu planen ist, denn es handelt sich ja nicht um einen Spielfilm, sondern eher um einen Dokumentarfilm. Du kannst beim Angeln überhaupt nie planen, ob es wirklich funktionieren wird.

Simon:

Wir wissen jetzt, der Film erscheint im November diesen Jahres, dass hattest du bereits gesagt. Wo wird er erhältlich sein? Wie macht ihr den Vertrieb, und vor allem, wie wird die Promotion aussehen? Wird es Internet -Trailer vorab zu sehen geben? Wie werdet ihr den Film ankündigen? 

Philipp:

Also wir promoten und vertreiben den Film über die Magazine, über mein eigenes Label „philoncarp“ (www.philoncarp.de) und über Jaschas Geschäft (www.carpshop.net). Ich werde vielleicht Markus Dittgen von der Carp Connect fragen, ob er für meine Filmkolumne eine Kritik über meinen Film schreibt. Den Vertrieb machen wir selbst. Wir haben uns entschieden, das komplette Projekt von Anfang bis zum Ende selbst durchzuziehen. Von der Idee, übers Drehbuch, übers Filmen und Drehen, übers Produzieren, über Postproduktion (also Cover und Hülle drucken) bis hin zur Promotion und zum Vertrieb. Ich wollte das Projekt an keiner Stelle aus der Hand geben. Wir werden den Film über Jaschas Laden, den Carpshop Bornheim, und weitere ausgesuchte Geschäfte verkaufen. Ich hoffe, dass wir den Film zusätzlich über große Shops, wie zum Beispiel den DVD Shop von Carp Connect oder über euer Magazin vertreiben können. Wir werden große Stückzahlen an Händler verkaufen, die sie an den Endverbraucher, also den eigentlichen Kunden, verkaufen können. Wer einen Film haben möchte, wird jedenfalls keine Probleme haben, ihn zu bekommen.

Wir haben jetzt schon mehr Material, als wir auf so eine DVD packen können. Insofern werden wir vielleicht auch rohes Material ins Internet stellen. Ich kann dir noch nicht genau sagen, wie wir es machen, aber auf jeden Fall werden  interessante Sequenzen online gestellt. Wir haben sogar schon Ideen für weitere Filmprojekte.

Simon:

Ja so ist das, hat man ein Projekt gemacht, schon kommen neue Ideen fürs nächste…

Wir sind auf jeden Fall gespannt. Zum Schluss habe ich aber noch eine Frage. Was stellst du dir so für deine Zukunft vor. Hast du irgendwas auf einer „to do“ Liste, was du unbedingt noch machen möchtest? Ich hatte mal so eine Liste  nach dem Motte: alles, was ich noch machen muss, bevor ich 30 werde(lacht). Hast du irgendetwas auf deiner Wunschliste, was du unbedingt noch in naher Zukunft machen willst?

Philipp:

Was Projektarbeit betrifft habe ich schon vieles erzählt, und wie es für mich persönlich  weitergehen wird,… ich bin sehr zufrieden und möchte einfach nur gesund bleiben. Ich möchte gelegentlich Zeit finden, um angeln zu gehen, das ist die größte Herausforderung für mich. Ich denke, dass meine Arbeit als Dozent und in der Forschung an der Universität sehr großen Raum in meinem Leben einnimmt, und das ist auch gut so, weil es mir auch viel Spaß macht. Wenn ich hin und wieder eine Nacht zum Angeln rauskomme bin ich schon zufrieden. Das ist eigentlich mein Plan für die nächsten Jahre.

Simon:

Also nichts Spezielles, etwas wie zum Beispiel ein weiterer Trip nach England oder so?

Philipp:

Ich finde Wraysbury sehr interessant. Der ist so ähnlich wie Conningbrook, nur noch schlimmer: 20 Fische auf 120 Hektar Wasserfläche verteilt.

Simon:

Da müsstest du auf jeden Fall deine Jahreskarte voll ausnutzen (lacht).

Philipp:

Darüber muss ich mir noch Gedanken machen. Das wäre aber auch noch ein See, den ich mir gerne etwas genauer ansehen möchte. Dafür müsste ich aber sicherlich einen Monat Urlaub nehmen. Die Zeit habe ich im Moment nicht. Ich bin aber auch erst 24, an meinen 30ten Geburtstag denke ich noch lange nicht. (lacht)

Simon:

Philipp, ich bedanke ich mich ganz herzlich bei dir für dieses Gespräch. Es hat mir Spaß gemacht.

Philipp:

Gerne, danke für das Interesse.